Stress und seine Folgen
Zur Situation
Etwa jeder dritte Patient, der heute einen Arzt oder Heilpraktiker aufsucht, leidet an psycho-reaktiven Störungen - er leidet an Krankheiten oder Funktionsstörungen, die im wesentlichen seelisch bedingt oder zumindest beträchtlich psychisch "überlagert" sind. Dabei wächst die Zahl dieser psycho-reaktiv Erkrankten durch die Zeiteinflüsse noch ständig. Die Wartezimmer der Allgemeinpraktiker werden in hohem Maße frequentiert von psycho-somatisch Erkrankten bzw. Gestörten. Es warten hier auf Hilfe: Vegetativ-Stigmatisierte, Schlafgestörte, Depressive, Migräne-Kranke, Asthmatiker, Herzneurotiker neben Impotenten, Ulkus- und Kolitis-Patienten u.v.a.m.! Da die "Psychosomatik" leider immer noch ein großes Stiefkind der Medizin ist, warten viele dieser Kranken vergeblich auf Hilfe, auf eine angemessene Behandlung, die auch den seelischen Bereich ins Kalkül zieht! Auf diese Weise kann durch eine unangemessene, einseitig somatisch-orientierte Therapie aus einer zunächst psychisch bedingten Funktionsstörung langsam aber sicher eine echte organische Veränderung entstehen, die sich dann u. U. auch später durch psychotherapeutische Maßnahmen kaum noch beheben läßt. Woran liegt es, daß auch in unseren Tagen der weitaus größte Teil der Heilbehandler die Möglichkeit einer seelisch bedingten Erkrankung, eines psycho-reaktiven Resultates, gar nicht in seine diagnostischen Überlegungen einbezieht? Wo liegen die GrÜnde? Prof. H. E. Richter/Gießen stellte in seiner Arbeit Anachronismus: Medizin ohne Psychologie" die hochgradige Vernachlässigung der Psychologie in der ärztlichen Ausbildung fest. Diese negative Situation im deutschen Medizinunterricht beruht auf einer Verteidigung eines ideologischen Konzeptes aus dem 19. Jahrhundert: Alle Krankheiten werden als pure Naturprozesse eingeschätzt! Sie manifestieren sich in einem anatomischen Gebilde mit physikalisch und chemisch beschreibbaren Lebensfunktionen. Krankheitserklärung, -beschreibung und -behandlung richtet sich auf dies Gebilde. Was der Mensch sonst noch ist, sagt RICHTER, gilt in dieser klassischen Konzeption nicht mehr eigentlich als Objekt der naturwissenschaftlichen Medizin. Daß sich auf dem Boden dieses überholten, rein somatisch orientierten, traditionellen Konzeptes, trotz geänderter Approbationsordnung mit vorgeschriebenem Psychosomatik-Unterricht und trotz des in den letzten Jahren unverkennbar zunehmenden Interesses der praktischen Ärzte für die psychologischen Aspekte, die "Ganzheitsmedizin" mit ihrer psychosomatischen Betrachtungsweise bei den Allgemeinpraktikern und Internisten nicht nennenswert etablieren konnte, ist einzusehen. Doch ist dies nicht der einzige Grund! Hinzu kommt noch der chronische Zeitmangel der "Praktiker": Kaum hat der Patient seine Beschwerden aufgezählt, verläßt er mit einem Rezept oder einem Oberweisungsschein schon wieder im Rückwärtsgang das Ordinationszimmer. Aus! Der Nächste bitte ... ! Dieser Patient - und wieviele mögen es wohl täglich sein - hatte nicht die geringste Chance, sein Herz ausschütten zu können, sich einmal "aussprechen", sich einmal anvertrauen zu können! Auch der Behandler brachte sich so um die Möglichkeit, notwendigen Einblick in die Lebens- und Schicksalssituation, in die aktuelle Konfliktkonstellation, in die seelischen Hintergründe zu erlangen, die sich zum Teil auf symbolische Weise oder sogar der "Organsprache" bedient haben. Fehlanzeige! So wie sich die Krise der modernen, weitgehend somatisch orientierten Medizin in der Allgemeinmedizin besonders durch die sog. "Fünf-Minuten-Medizin" darstellt, zeigt sie im Krankenhausbetrieb ihr technisches Gesicht. So fragt z. B. M. BLEULER in der "Schweiz. med. Wochenschrift" (1970) "Wo bleiben wir am Kranken?" Er schildert u. a. die Situation so: "Jeder Arzt weiß, daß die persönliche Betreuung unserer Kranken eine dringliche Aufgabe ist. Zudem wird viel darüber geschrieben, wie Körper und Seele eine Einheit sind, daß man über der Behandlung von Symptomen und Krankheiten den Kranken nicht vergessen und ihm helfen soll, sich zu entfalten und er selbst zu sein. Angesichts der lauten Forderungen nach Psychotherapie und Psychosomatik möchte man meinen, unsere Kranken würden heute besser als je umsorgt. Das ist aber nicht der Fall. Um das Krankenbett droht es leer zu werden. Das Persönliche im Umgang mit dem Kranken tritt in den Hintergrund, unpersönliche, schematisierte, entmenschlichte Betriebsamkeit macht sich je länger, je breiter. Der Kranke vereinsamt. Ärzte- und Schwesternmangel sind nicht die hauptsächliche Ursache dieser Vereinsamung. Gerade auf Krankenabteilungen mit überreicher personeller Besetzung, mit Intensivtherapie ist nicht selten das Übel am schlimmsten. Ärzte und Schwestern sind mit technischen Aufgaben in Anspruch genommen und persönliche Beziehungen können schon bei ihrer Vielzahl nicht warm werden. Haben wir Zeit, bei Sterbenden oder ihren Angehörigen zu verweilen? Haben wir Zeit vor der Türe des Operationssaales oder des Kreißsaales noch mit unseren Kranken zu sprechen? Die Gefahr ist groß, daß wir für all das keine Zeit mehr haben und uns mit der Verabreichung einer Tablette begnügen. Wir könnten aber Ängste und Sorgen vieler Kranker mildern, wenn wir mehr Zeit für sie hätten. Wir wissen, daß ärztliche Betreuung Großes für einen Kranken bedeutet, es wird darüber geredet und geschrieben, aber im Zug der Zeit wird die Kluft zwischen Sollen und Können, zwischen Gerede und Handeln immer größer. Zum Beispiel bringt die Isolierung der Kranken nach schweren Operationen oft Verwirrtheitszustände mit sich. Man sollte zur Prophylaxe der psychotischen Operationskomplikationen eine persönliche Beziehung zwischen dem Kranken, der Schwester und dem Arzt herstellen. Statt dessen wurde vorgeschlagen, am Fußende des Bettes einen Fernsehapparat anzubringen! Dort, wo die Technik das Menschliche verdrängt, will man mit noch mehr Technik abhelfen - nur um die wenigen herzlichen Worte zu ersparen, die am Platze wären . . ."
Kommentar überflüssig! Statt Kontakt eben Apparat! Die für den Behandlungserfolg so notwendige menschliche Bindung zwischen Arzt und Patient wird immer geringer - das Ende der sozialen und "verbalen" Medizin bahnt sich an! Diese bedenkliche Entwicklung wird zudem begünstigt durch die Automatisierung der Labordiagnostik, dem Vormarsch der Computermedizin und dem weiteren Vordringen des Prinzipes der Gemeinschaftspraxen und Polikliniken! Die Droge "Arzt" kommt nicht mehr zum Einsatz!
Humanmedizin kann nur eine psychosomatische Medizin sein
Wer krank gewordenen Menschen helfen will, muß sie in ihrer LeibSeele-Einheit sehen und kann durch diese Ganzheitsbetrachtung eben nur "psychosomatisch" vorgehen. Wenn die Medizin, trotz allern technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, aus der Sackgasse, weiche u. a. in der unpersönlichen Perfektion der Computer-Medizin und ebenso in der sog. 5-Minuten-Medizin des überlasteten Praktikers evident wird, herauskommen soll, dann muß sie sich psychosomatisch umorientieren! Diagnose und Therapie kann man eben nicht weitgehend an Apparate und Medikamente "delegieren"! Technische Hilfsmittel, die in der modernen Medizin für den somatischen Befund eine wichtige und hochgeschätzte Rolle spielen, lassen sich eben für die Psychodiagnostik nicht einsetzen. Selbst die hypermodern ausgestattete Diagnose-Klinik muß hier versagen, denn keiner der Elektronengehirne vermag die seelischen Hintergründe einer Erkrankung aufzuzeigen. Die "verbale" Medizin muß ergänzend hinzukommen! Hier kann allein das klärende Zwiegespräch zwischen Heilbehandler und Patient weiterhelfen. Es klingt vielleicht hart, aber es muß deutlich gesagt werden: Ein Therapeut, der dazu keine Zeit aufwenden möchte oder gar die Notwendigkeit hierfür nicht erkennen kann, wer also bei seinen diagnostischen und therapeutischen Bemühungen die Seele übersieht, betreibt Veterinärmedizin!
Die "Organsprache" muß man verstehen lernen
In seiner Studie "Der psychisch Leidende und seine Welt" konstatierte G. BENEDETTI wie jeder starke Affekt, jede große Gemütsbewegung eine bestimmte organische Repräsentanz aufweist: "Affekte sind leibseelische Funktionsgestalten, die Ausdruckswert haben." Unbewältigte Konflikte, Versagungserlebnisse und Schuldvorstellungen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen mit ihren Affekten und Gefühlen führen über das vegetative System zwangsläufig zu "Affektkrankheiten", die je nach Konstituation und Disposition bestimmte Organe funktionell stören, sich ihrer bedienen, um sich zu "beklagen", um sich "auszudrücken", um symbolisch "sprechen" zu können. Der Volksmund hat in seinen tiefgründigen Redewendungen diese Zusammenhänge aufgezeigt und die symbolische Aussage der "Organsprache" oft treffend dechiffriert; z. B.: "Das hat er nicht mehr schlucken können", "Vor Ärger läuft ihm die Galle über" oder "Die Angst sitzt ihr im Nacken" u. v. a. m. Es ist augenscheinlich, daß das vegetative System neben
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